Theaterfotografie – Gestaltung (von 2000)
Was sind die Ansprüche an Theaterfotos?
Fotos wie dieses von der Antonia in Hoffmann Erzählungen sind nicht geblitzt. So sollte es auch sein. Was von der Regie
nicht ins Helle gerückt wurde, soll auch im Nachhinein nicht ins Helle gerückt werden.

Zeitungs- und Werbeleute haben gelegentlich mit dieser Einstellung ihre Probleme. "Man sieht ja nicht alles", heißt
es.
An einem Theater sollen die Gepflogenheiten so gewesen sein, dass die Zeitungen ihre Leute mit Fotoapparaten zur Generalprobe
schickten. Manche blitzten einfach drauflos - wie bei einer Pressekonferenz. Auf den Fotos in den Zeitungen waren dann statt
Rudolfo und Mimi zwei Bleichgesichter mit Draculaaugen zu sehen.
Gute Theaterfotografie ist Available-Light-Fotografie. Zur Belichtung des Films wird nur das Licht genutzt, was verfügbar ist
- das Originallicht. Theaterfotos leben von Stimmungen. Die Beleuchtung der Bühne ist dabei ein wichtiges Mittel, um
Stimmungen zu erzeugen. Die Szenen um die Mittagszeit bei einem fröhlichen Musica wie "Anything Goes" dürfen hell
und gleichmäßig ausgeleuchtet sein. Auf einem Ozeandampfer ist das Licht so.

Anders in einer Nachtszene in der Operette "Frau Luna". Die drei Gestalten tappen im Dunkeln zu ihrer Rakete. Es
sind nur die Umrisse zu sehen. Zur lustigen Stimmung dieser Situation gehören der vorhergehende Wortwitz, die Musik und die
Lichtstimmung. Als Fotograf kann man die Sprüche und die Musik nicht aufnehmen - wohl aber die Lichtstimmung.

Optimal wäre, würde der Betrachter eines Theaterfotos das fotografierte Stück erkennen. Bei einigen Bildern ist die durchaus
möglich. Ein versoffener Gefägniswärter lässt auf "Die Fledermaus" schließen, ein Sänger auf einem Schwan auf
"Lohengrin" und ein blumenflückendes Mädchen mit Korb auf "Rotkäppchen". Das setzt jedoch voraus, dass
der Regisseur das Stück entsprechend inszeniert hat. Selbst der wohlwollendste, aber nicht eingeweihte Betrachter hätte
Zuordnungsschwierigkeiten bei Bühnenfotos der umstrittenen Dresdner "Czárdásfürstin".

Das Erkennen der jeweiligen Inszenierung soll deshalb nicht Kriterium für gute oder weniger gute Theaterfotos sein. Die
Trauernde auf dem nebenstehenden Foto könnte Maria in "West Side Story", Maria in "Jesus Christ
Superstar" oder eben Julie in "Carousel" sein. Wichtig ist, dass das Foto die Stimmung des Werks gut
wiedergibt.
Schwarz-Weiß oder Farbe?
Traditionell sind Theaterfotos Schwarz-Weiß-Fotos. Das ist so, weil die Farbfotografie mit brauchbaren Ergebnissen noch
recht jung ist und weil das selbstständige Entwickeln der Filme und Bilder einfacher ist. Hinzu kommt, dass nicht wenige
Theaterleute die Ästhetik von Schwarz-Weiß-Fotos höher bewerten als die von Farbfotos.
Wem als Theaterfotograf Farb- wie auch Schwarz-Weiß-Material gleichermaßen zur Verfügung steht, könnte die Auswahl nach dem
Stück treffen. Zu ernster Oper passt vielleicht Schwarz-Weiß besser, zu einer heiteren Operette oder einem Kinderstück
vielleicht Farbe. Da Farbstimmungen in vielen Inszenierungen wichtig sind, wäre aber generell zu überlegen, farbig zu
fotografieren.
Thema Tiefenschärfe - Blende auf oder Blende zu?
Die Lichtverhältnisse auf der Bühne sind nicht die besten. Absolute Tiefenschärfe in allen Ebenen des Fotos ist fast nicht
möglich. Bei Portraitfotos muss das aber auch gar nicht sein. Wichtig ist die Figur, der Rest kann, wie auf jedem anderen
Portrait auch, verschwimmen.

Anders ist es bei der Fotografie eines größeren Teils oder des gesamten Bühnenbildes. Hier möchte weitestgehend alles scharf
sein. Die Blende muss auf mindestens 5,6 besser auf 8 oder 11 geschlossen werden und das heißt lange Belichtungszeiten.
Manche Situationen lassen sich mit 1/4, 1/8 oder 1/15 fotografieren, aber nur, wenn keiner spielt. Um ein tanzendes Paar oder
ein tanzendes Ballett scharf zu bekommen, ist 1/250 oder weniger nötig. Diese Sachzwänge sind wohl der Grund dafür, warum das
Herstellen perfekter Theaterfotos mit Bewegungs- und Tiefenschärfe eine Kunst für sich ist.
Fotografie gestellter Szenen
Alle Fotos auf diesen Seiten sind während der Haupt- oder Generalproben entstanden.Es gab keine Unterbrechungen und keine
Extraportion Licht. Natürlich hatte ich mit den eben beschriebenen Schwiergkeiten zu kämpfen. Aber viele Fotos konnten nur
entstehen, weil die Darsteller und Sänger nicht für den Fotografen sondern eben ihre Partie gespielt und gesungen
haben.

Bei der Fotografie der Totalen dürfte das nicht so entscheidend sein. Ich kann mich dazu aber nicht äußern, weil ich damit zu
wenig Erfahrung habe.
Wann löse ich die Kamera aus?
Die Augen sind entscheidend. Jedes Bild, auf dem die Augen der Darstellers nicht "mitspielen", ist Ausschuss.
Beim Blick durch die Kamera sollte deshalb immer das Augenspiel beobachtet und in einem spannenden Moment auslöst werden. Bei
zwei Akteuren ist das noch ganz gut zu überschauen. Dann wird's zum Problem. Wenn man das Theaterensemble durch viele
Proben kennt, wird's wieder leichter. Mache Augen sehen einfach immer gut aus. Andere weniger. Auf die muss man
achten!
Danach
Nicht zu unterschätzen ist im Nachhinein die Auswahl der Fotos. Hierfür sollte man sich einige Zeit nehmen.
Es gibt Fotos, auf denen ist der Darsteller in einer bestimmten Pose hervorragend getroffen - was den Darsteller oft
überhaupt nicht gefällt... In solchen Fällen neigt der Fotograf gern zur Selbstzensur.
Manches Foto ist trotz leichter Bewegungsunschärfe (oder gerade wegen?) brauchbar. Andere Fotos sind gut getroffen, nur
ungünstig belichtet. Manchmal ist eine Korrektur beim Abzug möglich.
Wer nicht selbst entwickelt, sollte immer eine Schere im Kopf haben - was das Format und den Ausschnitt des Fotos betrifft.
Das Bild muss nicht 1 zu 1 vom Film abgezogen werden.
Bühnenfotos = Theaterfotos
Alles Geschriebene bezieht sich auf die Fotografie im Theater. Die Bedingungen auf anderen Bühnen, sei es bei einem
Rockkonzert, sei es ein Boxring, sind gleich. Deshalb gilt alles hier Geschriebene auch dort.
(Stand: Juni 2000)
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