Vorwort

Der nachfolgende Text ist im Sommer 1999 entstanden und wurde seitdem nicht verändert. Da sich die Fototechnik in den letzten Jahren revolutionär weiterentwickelt hat, sind einige Aussagen möglicherweise nicht mehr aktuell.

Dem Einsteiger in die Bühnenfotografie sei die Lektüre des Textes dennoch empfohlen. Denn egal, ob das Foto chemisch auf Filmkorn oder elektronisch auf einem Chip gespeichert wird: Die Bühnenfotografie ist zu komplex, als dass die intensive Beschäftigung mit der Materie durch die digitale Fotografie überflüssig geworden ist.


Theaterfotografie – Technik (von 2000)

Warum diese Seiten?

Fotografieren im Theater oder auf anderen Bühnen ist eine ziemlich schwierige Sache. Licht gibt es nicht allzu üppig, Blitzen ist natürlich absolut tabu, es sollte wenig Bewegungsunschärfe, aber viel Tiefenschärfe geben. Meist sollen die Fotos stark vergrößert veröffentlicht werden. Das schränkt die Filmauswahl ein.

Ich hatte das Glück, zwei Jahre am Wittenberger Theater alle Inszenierungen fotografieren zu dürfen. Zu Beginn verfügte ich nur über wenige fotografische Kenntnisse. Meine Erfahrungen möchte ich nun hier weitergeben. Für Einträge ins Gästebuch, ganz gleich, ob sie das Geschriebene ergänzen oder kritisieren, wäre ich sehr dankbar.

Warum ist Blitzen tabu?

Meine ersten Bühnenfotos waren geblitzt - und sahen entsprechend aus: Rote Augen, harte Blitzschatten auf der Dekoration, beleuchtete Zahnplomben... Das geht alles wirklich nicht! Und ganz abgesehen davon: Wenn der Regisseur sein Werk so inszeniert hat, dass ein Scheinwerfer von links und einer von rechts die Szene beleuchtet, dann steht es mir einfach nicht zu, ein drittes Licht von vorn (nämlich mein Blitzlicht) dazu zu inszenieren.

Automatik ein oder aus?

Meine Fotos habe ich mit einer Nikon 801s gemacht. Alle Automatiken, bis auf den Autofokus, sind bei der Bühnenfotografie nicht zu gebrauchen. Ob mittenbetonte Integralmessung oder Matrixmessung, ob Blendenautomatik oder Zeitautomatik - die Kamera kann nicht denken und kann nicht wissen, was ich will. Die Belichtungzeit und die Blende muss ich entsprechend der Empfindlichkeit des Film manuell einstellen. Nur so bestimme ich, welcher Teil des Bildes richtig belichtet ist. Jede Automatik würde zufällige Ergebnisse liefern und jeder höhere Schwarzanteil im Bühnenbild würde zu Fehlbelichtungen führen.

Welches Objektiv?

Fast alle Fotos habe ich mit einem Nikkor 85 mm/1,4 gemacht - vereinzelte mit einem Nikkor 50 mm/1,8. Die Erfahrungen mit diesen Objektiven sind die besten. Es mag als Mangel erscheinen, dass man bei einer festen Brennweite den Bildausschnitt nicht wie bei einem Zoomobjektiv festlegen kann. Das störte bisher überhaupt nicht. Nach der dritten Fotoprobe wusste ich ziemlich genau, in welcher Sitzreihe ich was am besten ins Bild bekomme. Ansonsten überwiegen die Vorteile: die bessere Bildqualität gegenüber Zoomobjektiven und die extrem hohe Lichtempfindlichkeit. Manchmal ist es auf der Bühne so dunkel, da hast du bei Blende 1,4 gerade mal eine 1/15 oder 1/30.

Größere Theaterbühnen

Die Brennweite von 85 mm kann auf größeren Bühnen etwas kurz sein. Da werden schnell mal 180 mm und mehr nötig. Entsprechend könnte auch eine höhere Filmempfindlichkeit nötig werden als im folgenden Punkt beschrieben.

Welchen Film?

Da steht generell die Frage ob Farbe oder Schwarz-Weiß. Ich habe nur mit Farbfilmen gearbeitet, weil leider kein eigenes Fotolabor mehr existierte und Farbentwicklung einfach schneller und billiger ist. An Empfindlichkeiten habe ich von ISO 100 bis 1600 alles durch und bin schließlich bei ISO 200 gelandet. Ab ISO 400 ist auf Vergrößerungen die Körnigkeit der Filme zu sehen. Mich persönlich stört es bei Farbfotos. Außerdem sind die niedrigempfindlichen kontrastreicher und brillanter. Bei den Filmmarken scheinen nur Fuji-Filme nicht so geeignet, weil sie den Gelbstich, der durch das Kunstlicht eh schon da ist, noch verstärken. Generell sollte bei der Filmauswahl folgendes gelten: Nur so empfindlich wie nötig, nicht wie möglich.

Was tun gegen Gelbstich?

Nichts, das ist eben so. Das Problem rührt daher, dass im Handel fast nur Tageslichtfilme zu bekommen sind. Benutzt man die bei Kunstlicht, werden die Fotos gelbstichig.

Frau Luna

Besonders schlimm wird es, wenn die Bühne mit gelben Scheinwerfern beleuchtet wird. Im vielen Opernbüchern und -zeitschriften sind Bühnenfotos zu sehen, die gelbstichig sind. Die Gelbstichigkeit scheint also nicht generell als Problem zu bestehen. Ich habe mal einen Test mit einem Blaufilter gemacht: Hat sich nicht bewährt. Die Dinger schlucken ein paar Blendenstufen Licht und auf einigen Bildern kippte das Schwarz ins Blaue.

Wo entwickeln lassen?

Glücklich hat, wer seine Bilder in einem Fotolabor selbst entwickeln kann. Mit der fremden Hilfe ist das gerade bei Bühnenfotos so 'ne Sache. Die Automaten in den Großlabors sind auf Urlaubsfotos eingestellt und meinen es gut - manchmal zu gut. Fotos mit einem hohen Schwarzanteil werden als unterbelichtet bemessen und bekommen noch eine Dosis Licht extra. Was Lischen Müllers Urlaubsfotos rettet, macht aus schwarzen Bildflächen auf den Bühnenfotos graue. Außerdem besteht die Gefahr, dass im Labor die Filme falsch geschnitten werden. Das Messer setzt dort an, wo der nichtschwarze Bereich auf dem Film beginnt. Auf einem Bühnenfoto ist das unter Umständen zu spät. Bewährt hat sich Folgendes: Das erste und das letzte Bild auf dem Film sollte am Rand kein schwarz haben, damit der Film nicht falsch geschnitten wird. Der Erstabzug kann oft in die Tonne. Bei Vergrößerungen sollte ein Labor aufgesucht werden, das man darum bitten kann, dass schwarze Flächen schwarz bleiben.

Welche Blende, welche Verschlusszeit?

Theaterfotografie ist immer ein Kompromiss. Der Lichtwert liegt zwischen sechs und zehn. Mit meiner Nikon 801s habe ich mit der Spotmessung auf Hautpartien oder auf hellgraue Stoffe das Belichtungspaar ermittelt. Bei ISO 200 steht mir bei mittlerer Bühnenbeleuchtung zur Auswahl: Blende 1,4/Belichtungszeit 1/250s, 2/1/125s, 2,8/1/60s, 4/30s, 5,6/1/15s. Ein perfektes Foto ist feinkörnig, bewegungsscharf, tiefenscharf. Dieses Ideal lässt sich bei Bühnenfotos mit Sicherheit nicht erreichen. In welche Richtung der Fotograf Abstriche macht, kommt auf die Situation an.

Wann drücke ich ab?

Jetzt hätte ich abdrücken sollen - zu spät. Es ist natürlich von Vorteil, wenn man das Werk und die Inszenierung kennt, das man fotografieren will.

Anything Goes

Nur so bekommt man die typischen Szenen fotografiert: Rosalinde beim Czárdás, John Falstaff im Waschkorb, Rumpelstilzchen beim Wutanfall...
Unterm Strich ist es so, dass von 36 Bildern vier bis acht brauchbar sind. Mit diesem Ergebinis kann der Bühnenfotograf sehr zufrieden sein. Der Rest ist: schlecht getroffen, unscharf, verwackelt.

Tipp

Ich arbeite vor der Bühne nur mit Drahtauslöser (80 cm lang, ohne Stativ). Das stundenlange Halten der Kamera ermüdet weniger. Auch ist die Verwacklungsgefahr beim Abdrücken nicht so groß. Der dritte Vorteil ist nur für Linkshänder interessant: Den Auslöser nimmt man in die linke Hand.


Zweiter Teil: Theaterfotografie Digital








Copyright für Fotos und Text: Frank Straub